Entspannung
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Müßiggang ist aller Laster Anfang? Nein – Faulheit tut gut!

Müßiggang ist aller Laster Anfang? Nein - Faulheit tut gut!

Sonntagabend. Ihr habt Abendbrot gegessen. Ihr habt gelacht, Papa hat vielleicht geblödelt. Danach habt Ihr vielleicht die Kinder in die Wanne gesteckt. Schaumschlacht. Lachen. Haare ziepen. Maulen. Kleine Überschwemmung. Dann Marsch ins Bett. Gute-Nacht-Geschichte, wieder Lachen und Maulen. Aber Papa blödelt vielleicht noch ein bisschen. Schläfriges Grinsen. Licht aus. Und nun? Klar Schiff machen. Überschwemmung im Bad aufwischen. Wanne polieren. Schaum von der Badezimmerlampe wischen (wie ist er bitte da hingekommen?). Das Geschirr zusammenstellen. Den Geschirrspüler einräumen. Auf einmal wird Dir die Stille bewusst: da fehlt doch einer…

Richtig! Deinem Prinzen ist längst klar: es ist viertel nach acht, Tatortzeit. Du kommst natürlich zu spät, um Herrscher über die Fernbedienung zu werden und auf Rosamunde Pilcher zu drücken. Außerdem sieht die Küche immer noch aus wie ein Schlachtfeld. Und der Antrag auf Zuschuss zur Zahnklammer der Großen macht sich auch nicht von selbst. Ach ja, und die Bügelwäsche… Die Kleine will unbedingt die pinkfarbene Bluse anziehen, Deine T-Shirts haben den Crashlook und Dein Mann hat kein gebügeltes Hemd mehr. Morgen hast Du auch keine Zeit, denn da geht die Woche und der Job wieder los.

Die kleine Stimme im Kopf

Also kannst Du Pilcher und Tatort auch gleich knicken. Außerdem ist da noch diese nagende kleine Stimme Deiner Mutter im Kopf: „Warst Du heute auch fleißig?“. Und anstatt ein lockeres „Nö!“ herauszuschmettern, einen Apfel zu schnappen und Dich zu Deinem besten Stück auf die Couch zu pflanzen, packst Du den Wäschekorb, das Geschirr und den Antrag. Toller Sonntagabend!

Doch wieso setzen wir Frauen uns immer so unter Druck? Egal, ob mit oder ohne Familie. Egal, ob im Privaten oder im Job. Wieso haben wir diese nagende kleine Stimme des schlechten Gewissens – egal ob von Mutti oder einfach nur eine Stimme – immer dann im Kopf, wenn wir uns eine kleine Erholungsoase gönnen wollen? Warum fühlen wir uns dann so klein und nehmen nicht einfach ab und zu eine Auszeit, um wieder Kraft zu tanken? Nein, wir ackern weiter, anstatt zu sagen „Raus aus meinem Kopf! Ich bin schon groß!!“

Vier Gründe, warum wir Frauen so schwer Leerlauf ertragen können:

  1. Schlechtes Gewissen beim Nichtstun ist anerzogen

…denn Nichtstun bedeutet Faulheit. Nur wenn ich schlafe, darf ich mal nichts tun. Vielen von uns wird dies schon als kleinem Kind beigebracht. Nichtstun ist Leerlauf, ist uneffektiv, da kann man noch schnell irgendeine Tätigkeit einschieben. Das machen viele Eltern im stressigen Alltag ihren Kindern vor – und Kinder lernen am Modell. Dazu kommt der uns anerzogene und immer wieder bestärkte Perfektionismus: Wer etwas gut gemacht hat, bekommt Lob. Wer trödelt, bekommt Schelte. Das allein würde aber noch nicht reichen.

  1. Niemals mittendrin aufhören können

Wir Frauen neigen dazu, Dinge „ganz“ oder „komplett“ zu machen oder zu wünschen. Wir sammeln ein bestimmtes Service, keiner aus der Familie nimmt Kaffeesahne, trotzdem kaufen wir den Gießer. Zu jedem Kleid oder Outfit hätten wir gern die passenden Schuhe. Bevor wir ins Bett gehen, muss die Küche blitzblank sein. Bevor wir Feierabend machen, arbeiten wir unseren Schreibtisch leer oder räumen noch alles weg. Einen Krapfen essen wir nicht aus der Hand, wir holen uns einen Teller.

Dahinter steckt das, was wir Psychologen die Suche nach Guten Gestalt der nennen. Nach dieser Theorie aus der Gestaltpsychologie nehmen wir automatisch Sachen oder Zustände z.B. in Wohnung oder Büro wahr, die unserem Sinn nach Ordentlichkeit, Gemütlichkeit oder Sauberkeit widersprechen, also unsere Vorstellung von einer „guten Gestalt“ stören. Dazu gehört der Staub auf dem Fernseher genauso wie der unaufgeräumte Schreibtisch. Diese Störfaktoren erzeugen in unserm Kopf einen Spannungszustand, „kognitive Dissonanz“ genannt, der richtig quälend sein kann. Deswegen müssen viele von uns Frauen erst einmal die Störfaktoren aufräumen, bevor sie sich gemütlich aufs Sofa kuscheln und wirklich entspannen können.

  1. Chronische Mehrfachbelastung ohne Wertschätzung

Die heutigen „Familienmanagerinnen“ leisten oft unglaubliches – und das wird all zu oft nicht honoriert. Ständig parat, nicht nur als Mutter und Geliebte, sondern auch als Berufstätige, Gärtnerin, Erzieherin, Erste-Hilfe-Sanitäter, Shuttle-Service, Niedriglohn-Jobber in den eigenen vier Wänden, Innendekorateurin und Putzfrau – alles in einer Person. Die Folge: schleichende chronische Überforderung, die wir Frauen oft nicht merken oder wahrhaben wollen. Auch der Umgebung fällt dann schon irgendwann auf, dass wir zunehmend gereizt und gleichzeitig antriebslos sind. Darüber wabert ein permanent schlechtes Gewissen, weil wir den eigenen Anforderungen nicht mehr so genügen, wie wir es eigentlich wollen.

Und dachte man früher, nur Manager bekommen das Burn-out-Syndrom, so wissen Fachleute heute: viele Mütter leiden – oft jahrelang unbemerkt – ebenfalls daran. Nach einer Studie des Müttergenesungswerkes (MGW) sind vor allem ständiger Zeitdruck, berufliche Aufgaben, ungleiche Arbeitsteilung in der Familie und zu wenig Anerkennung die Ursachen. Also Augen auf bei psychosomatischen Störungen wie Bauch- und Kopfschmerzen, die einfach nicht verschwinden wollen!

  1. Antrainierte Rollenerwartung

Dieses Multi-Können, was die meisten Frauen ganz selbstverständlich an den Tag legen, wird nicht nur allgemein erwartet, sondern auch früh antrainiert. Mal ehrlich: Während der Bruder draußen bolzte, durfte so manche von uns „noch mal schnell“ den Geschirrspüler laden und den Müll mit nach draußen nehmen. Erst DANN hatte man frei. Hat sich irgendwie nicht viel verändert, oder?

Die andere Wahrnehmung

Aber warum nehmen Männer dies nicht so wahr und können ohne schlechtes Gewissen inmitten von Chaos in den Sessel sinken und wunderbar entspannen? Warum können wir Frauen nicht einfach fünf gerade sein lassen, nix liegen lassen?

Zum großen Teil liegt dies an der unterschiedlichen Wahrnehmung. Kennst du das? Wenn Mann staubsaugt, hat das Wohnzimmer plötzlich keine Ecken mehr. Und bei Wäsche gibt’s nur den Unterschied zwischen „dreckig“ und „geht noch“. Meist können Männer sich besser abgrenzen: der Job ist vorbei, jetzt bin ich zu Hause, also ist Erholung vom Job angesagt. Frauen fühlen sich dagegen immer irgendwie verantwortlich, grenzen sich nicht so sehr ab, da sie tatsächlich für viele Alltäglichkeiten die Verantwortung tragen. Aber sie genießen es teilweise auch, gebraucht zu werden. Das ist oft die Quelle des Selbstbewusstseins.

Routine stresst

An manchen Tagen hat Frau einfach das Gefühl, sie könnte ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Mein Name ist Sisyphos!“ tragen. Du weißt schon, der Kerl der von Hermes im alten Griechenland dazu verdonnert wurde, eine Steinkugel immer und immer wieder den Berg hinauf zu rollen. Hätte er einen Berg Bügelwäsche vor sich gehabt, hätte er nix gerollt, sondern das Bügeleisen längst in die Ägäis geworfen…

Wir haben es oft mit Sisyphusarbeit zu tun: machen immer wieder die gleichen Dinge, auf die wir nicht einmal so richtig stolz sein können. Oder hast Du mal auf einer Party damit geprahlt, 25 Kinderschlüpfer zusammengelegt oder 297 Kunden Blumen gebunden zu haben? Das ist Alltag, und der stresst ganz schön.

Doch was hilft nun konkret gegen Dauerdruck? Hier die 6 besten Tipps:

  1. Kalibrieren der Wahrnehmung

Du weißt schon seit Wochen: Die Fenster in Deiner Wohnung müssen unbedingt geputzt werden. Also siehst Du nur noch die Fenster… Hallo, was ist mit der schönen Orchidee auf Deiner Fensterbank, die herrlich blüht? Oder das rummelige Auto… Aber es ist Dein Auto – nie wieder Fahrrad, Erkältung und Einkäufe schleppen!

Wie’s geht: Schluss mit dem „Tunnelblick“! Verschaffe Dir immer einen Gesamteindruck. Nimm auch die Dinge wahr, die Du schon geschafft hast!

Setze Dich z.B. auf Deinen Lieblingsplatz und versuche, ganz bewusst einmal nur die Sachen wahrzunehmen, die prima sind – und zwar im Detail: die wunderschöne Blüte Deiner Pflanze, die Farben Deines Lieblingsbildes an der Wand. Lass alles solange auf Dich wirken, bist Du ruhiger geworden bist.

  1. Herausforderungen bestätigen und motivieren

Du freust Dich, wenn Du beim Joggen wieder ein wenig schneller geworden bist? Denn das motiviert Dich weiter zu machen. Oder im Job das neue Computerprogramm endlich kapiert hast? Also wirst Du bei der Arbeit entspannter sein. Wir Menschen entwickeln uns weiter, indem wir uns neue, spannende Aufgaben suchen, sie bewältigen und uns nach einer Phase freudiger Entspannung, Erfolgserlebnis und gesteigertem Selbstwertgefühl neue Herausforderungen suchen.

Wie’s geht: Suche immer wieder neue Aufgaben! Wie wär’s mit Yoga oder Pilates? Oder mit einem Sprachkurs in einer Sprache, die Du schon immer toll gefunden hast. Auch wenn Du sie erst einmal vielleicht nicht brauchst. Einfach nur aus Spaß. Oder ein Tanzkurs für Salsa oder Tango mit deinem Liebsten?

  1. Bring Dich in „FLOW“

Wenn Du vollkommen in Deinem Computerspiel abtauchst, hörst Du einfach nicht, wenn der Liebste nach Dir ruft, weil das Essen fertig ist. Du bist nämlich im „Flow“, dem optimalen Spannungszustand Deines Gehirns zwischen Anspannung und Entspannung. In diesem Zustand regeneriert sich das Nervensystem und ist danach bereit, sich wieder komplizierteren Aufgaben zu widmen.

Wie’s geht: Erinnere Dich an die Hobbies, die Dir immer Spaß bereitet und Dich angeregt haben: egal ob Häkeln, Puzzeln oder Tetris spielen. Versuche, ab und zu ein paar Minuten nur für Dich und Deine Hobbies einzuplanen.

  1. Meditieren lernen

Meditieren ist ja bekanntlich hinsetzen, konzentrieren und Nichts tun. Nur gerade dieses Nichtstun, die Gedanken auf einen Punkt zu konzentrieren, macht die Sache für uns getriebene Westler so schwierig. Hier eine einfache Übung für Anfänger.

Wie’s geht:

– Augen zu

– sich ganz auf das Atmen konzentrieren

– jeden Atemzug mit einer Zahl im Geiste benennen:

eins für Eintamen, zwei für Ausatmen, drei für Einatmen und so weiter.

– bis zehn die Atemzüge begleiten und dabei die Gedanken nur beim Atmen

und Zählen lassen

Sollte man mit den Gedanken abweichen, gilt die Regel wie beim Monopoly Spiel: Gehe wieder zurück auf Start.

 

  1. Gute Gefühle verankern und reaktivieren

Unser Gedächtnis speichert Erlebnisse mit Hilfe von Gefühlen und Sinneserlebnissen. So werden wir einen romantischen Urlaubsabend am italienischen Hafen mit entsprechender Musik, Gerüchen und dem vollmundigen Rotwein als positive, entspannte Erfahrung im Gedächtnis verankern.

Wie’s geht: Zuhause können wir durch ähnliche Musik, ähnlichen Wein diese Erinnerung wieder hervorrufen. Wie wär’s also mit einem italienischen Abend mit Pasta, Vino und Pavarotti?

  1. Abspecken

Sieh Dir doch einmal genau an, ob all die Dinge wirklich nötig sind, die Du tust.

Wie’s geht: Gibt es nicht etwas, was Dein Partner oder die Kinder übernehmen könnten? Lade Dir nicht immer noch etwas zusätzlich etwas auf: Beim Familientreffen gibt es kalte Platte statt Drei-Gänge-Menü, beim Treffen mit Freunden kann jeder etwas zu Essen mitbringen. Es reicht die Katze und muss nun nicht noch ein Hund sein, solange die Kinder klein sind und viel Aufmerksamkeit brauchen. Kaufe pflegeleichte Kleidung für die Kids, damit Du nicht Stapel von T-Shirts oder Blusen bügelst. Wenn Dein Mann Hemden statt knitterfreier Polohemden tragen möchte, kann er die manchmal auch zur Reinigung bringen. Und wenn Dein Boss oder Deine Kollegen Dir immer noch etwas auf’s Auge drücken wollen, weil Du es ja so gut machst, dann lerne „Nein!“ zu sagen. Denn die Schmeichelei stimmt zwar, aber wird doch eher eingesetzt, damit die anderen dem Müßiggang frönen können…

Müßiggang ist aller Erholung Anfang…

Dies ist nun absolut kein Plädoyer für Luschigkeit, sondern für effektiv und organisiert genutzte Zeit einerseits und ganz bewusst erlebte schöne Stunden andererseits, in denen man sich Dingen zuwendet, die der Entspannung und dem Müßiggang dienen.

Ja, ich weiß, ein altmodisches Wort. Aber ich finde, Müßiggang ist etwas, was in unserer Zeit zu kurz kommt. Natürlich gibt’s Kino, Musik, Spiele, Internet, Fernsehen. Vieles davon ist schnell, auf Tempo und Action ausgelegt. Eher eine Ablenkung vom Sein.

Ich meine eher die langsame Art des Genießens. Blumen in der Sonne, ein Feld im Sommerwind, leichter Landregen auf der Haut, ein Bild in aller Ruhe betrachten, ein schönes Essen zu zweit, nachmittags mal eine halbe Stunde auf dem gemütlichen Sofa schlafen oder einfach nur ruhen, Musik mit geschlossenen Augen hören, ein liebevolles Flirten bei einer schönen Flasche Wein, einfach auf einer Parkbank sitzen und dem raschelnden bunten Herbstlaub beim Fallen zugucken oder den ersten Schnee riechen. Ohne ein Ziel, ohne einen Gewinn. Müßiggang eben. Mutti würde dazu vielleicht Faulheit sagen.

Psychohygiene

Aber diese Faulheit tut der Psyche richtig gut. Wie ein geistiges Entschlacken, bei dem Du den Alltagsmüll einfach mal zur Seite schiebst und den Kopf frei machst für Dich selbst. Wie in einer geistigen Hängematte einfach mal nichts „Effektives“ tun, abschalten vom Arbeitstag, sich erfreuen. Ein wunderbarer Zustand. Den man so oft wie möglich einschieben sollte. Denn gerade ohne den Druck von Gewinn und Ziel gewinnst Du soviel: Gelassenheit, Optimismus, Ausgeglichenheit, Selbstbewusstsein und einen guten Kontakt zu Dir selbst. Nimm Dir ganz bewusst etwas Zeit dafür. Denn dieser Müßiggang ist Zeit für Dich: „Me time“ – nur für mich.

Mach Dir dieses Geschenk!

Über die Autorin:

Annika Lohstroh

Annika Lohstroh

ist Produzentin, Regisseurin, Buchautorin, Journalistin und Psychologin mit langjähriger Medienerfahrung im Film-, Print-, TV- und Werbebereich. Sie arbeitet außerdem erfolgreich im Bereich Künstler- und Mediencoaching sowie als Fotografin. Zusammen mit Michael Thiel hat sie bei Gräfe und Unzer den Aufsteller „Die Kraft der Klarheit“ geschrieben.

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