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Perfektionismus: Nobody is perfect – und das ist gut so!

Ein perfekter Tag mit GU Balance

Warum Anti-Perfektionismus für unsere Psyche so wichtig ist? Wir klären auf und haben die beste Strategie gegen Perfektionismus für Dich. So klappt das Lockerlassen …

Morgens, halbacht in Deutschland. Die Kinder sind endlich auf dem Weg zur Schule, der Göttergatte zur Arbeit. Du hast noch einen Moment, dann musst auch Du los. Die Klamotten der Tochter liegen überall herum – klar, sie wusste wieder mal nicht: was ziehe ich an? Die Schuhe vom Sohnemann dekorieren den gesamten Flur – wo waren nur seine ganz bestimmten blauen Sneakers? Der Prinz fand sein Handy nicht und Du suchst den Autoschlüssel. Die Küche ist ein Schlachtfeld, der Kühlschrank leer – und wer ist die zerzauste Frau, die Dich da im Spiegel ansieht?

Perfektionismus: Sind die anderen wirklich so perfekt?

Spätestens jetzt kommt der Gedanke: Wieso schaffen andere Frauen und Männer es, alles so perfekt hinzubekommen, nur ich nicht? Angelina Jolie beispielsweise sieht super aus, hat sechs Kinder und Brad. Und auch noch einen Beruf. Und hat nicht unsere Ursel sieben Kinder? Und einen Mann? Und auch noch die Bundeswehr am Hals? Wie schaffen die das? Klare Antwort: Weil sie Hilfe haben. Weil sie delegieren. Und eins ist sicher: Wenn Angelina morgens aufwacht, sieht Brad eine völlig normale, nette, verwuschelte Frau. Erst Stylisten, Friseure, Visagisten, Licht und Superklamotten machen aus ihr die perfekte Frau. Also mal ehrlich: mit dem Aufwand kämen auch wir Normalos einer Göttin ziemlich nahe…

Aber was ist überhaupt perfekt? Wer sagt uns das? Antwort: wir selbst. Immer mit dem Augenmerk darauf, was andere wohl über uns denken und sagen. Wir machen uns also die tatsächlichen und vermeintlichen Vorstellungen anderer zu unserer eigenen Richterskala.

Perfektionismus in der Psychologie

Die psychologische Forschung unterscheidet zwei Formen von Perfektionismus:

  1. Der „normale“ Perfektionist: Dieser Typ hat Lust an Leistung und Erfolg, will auch gern sein Bestes geben und strengt sich dafür tüchtig an. Falls ihm eine Sache aber nicht so toll gelingen sollte, macht er kein Drama daraus. Sein Motto: „Dumm gelaufen – nächstes Mal wird’s besser!“ Nach einer Fehleranalyse startet er einen neuen Versuch. Sein Scheitern führt nicht in eine tiefe Selbstwertkrise. Gelingt etwas prima, wertet dieser Typ dies automatisch als Erfolg.
  2. Der „dysfunktionale“ Perfektionist: Anders als für den „Normalen“ setzt sich dieser Typ von vornherein unter unglaublichen Erwartungsdruck: Alles muss optimal laufen. Weniger als „Sehr Gut“ bedeutet Scheitern. Schon bevor er sich an eine Aufgabe heranmacht, breiten sich in ihm die düstersten Gedanken eines möglichen Misslingens aus: „Ich werde sofort meinen Job verlieren, mache mich zum Gespött der Menschheit, werde im finanziellen Desaster enden“. Er lebt in der Welt der „Worst Case Scenarios“. Dabei gibt es nur „Perfekt“ oder „Versagen“ – Zwischentöne, ein bisschen Misslingen, nicht ganz optimal, gibt es für ihn nicht. Damit werden Erfolgserlebnisse zur Pflicht und sind nichts, was ihn bestätigen könnte. Doch ohne Erfolgserlebnisse geht das Selbstwertgefühl in den Keller. Lebensspaß? Nö…

Die meisten von uns sind Typ 1, haben vielleicht mal kleine Tendenzen zu Typ 2, je nach Lebensphase. Ein reiner Typ 2 kommt schon eher in Richtung Pedant…

Nobody is perfect – warum es uns so schwer fällt, das zu glauben

Doch ist Perfektionismus überhaupt erstrebenswert? Gerade wir Frauen neigen dazu, alles perfekt erledigen zu wollen. Das setzt uns unglaublich unter Druck. Ob im Haushalt, in der Partnerschaft oder im Job: Wir haben immer das Gefühl, 150 Prozent geben zu müssen. Wieso ist das so? Warum wollen wir so perfekt sein?

Perfektionismus entsteht ganz schleichend, oftmals schon in der Kindheit. Wenn Du schon als Kind immer dann besonders viel Zuwendung, Lob und Anerkennung bekommen hast, wenn Du besonders hübsch, besonders ordentlich, besonders hilfreich warst, dann verinnerlichst Du das: „Ich werde nur dann geliebt, bekomme nur dann Anerkennung, wenn ich besonders perfekt bin!“. Wenn Partner, Familie, Freunde oder Kollegen Dich immer dann bestätigen, wenn Du etwas super gemacht hast, willst Du diese Bestätigung natürlich weiterhin bekommen.

Perfektionismus ist also der unbewusste Weg, Liebe und Anerkennung zu bekommen. Gab und gibt es die nicht, können diese Erziehungsmethoden und Dein Umfeld die Wurzeln für Deinen ewigen inneren Leistungsdruck, letztlich für Deine tiefe Lebensangst sein. Extremer Perfektionismus dient demnach der Angstreduktion. Und kann nicht selten in eine Depression oder in einen Burnout führen.

Dabei ist ein gesundes Maß an Perfektionismus für unser Zusammenleben natürlich unverzichtbar: Ich erwarte von einer Chirurgin, einem Piloten, einer Feuerwehrfrau oder einem Zugführer, dass sie alle ihre Arbeit perfekt machen. Und auch für uns selbst ist es wichtig, einige Dinge möglichst perfekt hinzubekommen: Eine halbe Steuererklärung kostet Geld, halbherzige Vorsorgeuntersuchungen kosten Gesundheit und wurschtiges Kochen den Genuss. Wäre es nicht sinnvoller, den Partner zur Mithilfe bei der Steuer zu bitten, die Vorsorge mit der besten Freundin zu erledigen und etwas Einfacheres, aber ebenso Schmackhaftes zuzubereiten? Sich ein Rezeptbuch mit schnellen Rezepten zu besorgen Doch da stehen wir uns schnell selbst im Weg. Vielleicht kennst Du ja auch das Hausmütterchen-Syndrom? Die Wohnung muss blitzen und gestylt aussehen. Denn der Haushalt ist die Visitenkarte einer Person. Unfug! Natürlich können Räume die Persönlichkeit ausdrücken – aber die Visitenkarte einer Person ist immer noch ihre Persönlichkeit selbst. Denk mal an Deine beste Freundin. Denkst Du an ihre aufgeräumte Küche? Oder denkst Du daran, dass Du sie auch morgens um zwei Uhr anrufen kannst, wenn es Dir nicht gutgeht?

Gelassenheit im Alltag mit GU Balance

Die besten Tipps gegen Perfektionismus

Nun zeigt sich der Perfektionswahn an vielen Ecken. Was also dagegen tun? Deshalb hier die 8 besten Tipps gegen Hyperperfektionismus:

  1. Zu hohe Ansprüche – Topmodel-Figur, superkompetent im Job, Traumbeziehung, 1A-Kinder, phantastisches Design-Zuhause, DAS Organisationstalent und auch noch ein tolles Auto…das kann doch einfach nicht hinhauen. Und das weiß eigentlich jeder. Da sind die Ansprüche an sich selbst viel zu hoch geraten. Lösung: Ehrlich mit sich selbst sein, in sich hineinhorchen und sich realistische Ziele setzen, die Du ohne Stress erreichen kannst.
  2. Niedrige Frustrationstoleranz – der Tortenboden kippt, die Sahne gerinnt, der Pudding brennt an: diese Torte wird nichts. Wenn Dir jetzt die Tränen kommen und Dich diese Niederlagen total aus der Bahn werfen, anstatt dass Du ein gesundes Maß an Wut nach den Tränen entwickelst und zur Fertigpackung greifst, überlege Dir einmal, ob Dich jeder Misserfolg so umhaut. Lösung: Wenn ja, musst Du gelassener werden und Dir immer wieder klarmachen, was wirkliche Probleme sind, wie mit Deiner Familie, mit den Kindern oder der Gesundheit. Versuche, Dich öfter wieder einzunorden und wichtig von unwichtig zu unterscheiden.
  3. Falsche Fehlerkultur – Fehler möchtest Du am liebsten nicht wahrhaben und vertuschen. Lösung: Dem Partner nicht die Schramme am Auto verschweigen. Ihn ärgert natürlich der Kratzer, aber Dein Schweigen ist noch viel schlimmer, weil es sich wie Hintergehen anfühlt. Lerne also Fehler auch als Chance zu sehen, um aus ihnen zu lernen und Dich so weiter entwickeln zu können – z. B. auf dem Verkehrsübungsplatz beim Einparken üben…
  4. Alles selber machen – nur so wird es perfekt. Irrtum: so bist Du dauergestresst und die Hälfte wird doch nichts. Lösung: Bei der Familienfeier können alle mit anpacken. Dann ist der Tisch vielleicht nicht perfekt gedeckt, aber Du hast in der Küche schon mal herzhaft mit Oma gelacht. Das macht Dich viel authentischer und liebenswerter, als Servietten gefaltet in Bischofsmützenform. Fang an zu delegieren und gib anderen dadurch die Chance, auch etwas zu machen, zu lernen und Lob zu erhalten.
  5. Versagensangst – sie führt dazu, Misserfolge zu persönlich zu nehmen. Nach dem Motto: wenn ich dies und das nicht hinbekomme, bin ich ein Versager. Lösung: Deine Handlungen haben vielleicht zum Misserfolg geführt, aber trenne das Tun vom Sein. Du als Person bist nämlich trotzdem unverändert liebenswert, weil Dein Charakter überzeugt, nicht Deine exakt getrimmten Gartenhecken. Die sind schön, aber eben nur Gartenhecken.
  6. Worst Case Scenario – immer das Schlimmste annehmen! Deshalb immer noch mehr anstrengen… Lösung: Geh einmal weg von Deiner Katastrophen-Phantasie und mach den Realitätscheck. Kinder stecken sich nicht sofort an Keimen an, also weg mit der Dauerdesinfektion. Kinder sollten ein gesundes Immunsystem entwickeln, deshalb reicht sauber.
  7. Perfekter Schein – nach Außen hin willst Du immer fleißig und perfekt erscheinen. Dadurch hast Du aber das Gefühl, überhaupt keine Zeit mehr zu haben. Lösung: Tue öfter einfach Dinge für Dich selbst, gönne Dir in Deinem Rahmen etwas – ohne schlechtes Gewissen.
  8. Dauerstress – Du stehst permanent so unter Anspannung, dass Du Deinen Stresslevel gar nicht mehr merkst. Aber Kopfschmerzen, Bauchweh und Schlafstörungen sind doch Anzeichen, oder? Lösung: Versuche Dich selber wieder zu spüren, in dem Du Übungen aus dem Entspannungs- und Achtsamkeitstraining erlernst. So wirkst Du den psychosomatischen Störungen entgegen.

Gute Gründe, den Perfektionismus abzulegen

Doch trotz aller Tipps ist der Weg zum Akzeptieren von etwas weniger Perfektionismus ziemlich schwer. Besonders für uns Frauen sind beispielsweise das „perfekte“ Aussehen, das perfekte Styling oder das perfekte Makeup eine wichtige Quelle des Selbstwertgefühls und des Wohlbefindens.

Hier gebe ich Dir eine wissenschaftlich fundierte Entwarnung: Wir müssen nicht wie Angelina Jolie das perfekt symmetrische Gesicht mit großen Augen und Schmollmund haben, um trotzdem Eindruck zu machen. Psychologen von der Friedrich-Schiller-Universität Jena zeigten: Schöne, symmetrische Gesichter sind zu langweilig, um dauerhaft im Gedächtnis des Betrachters zu bleiben. Ohne zusätzliche auffällige Merkmale hinterlassen attraktive Gesichter im Gedächtnis tatsächlich weniger ausgeprägte Eindrücke als unattraktive.

Also Mut zum Pfund zu viel auf den Hüften, zu den Lachfalten um die Augen und zur Zahnlücke. Wer nicht auffällt, wird vergessen! Wichtiger als der schöne Schein sind Authentizität, Natürlichkeit, Charakter, Anpacken können und auch wirklich für andere da zu sein. Das bedeutet für alle: Sich mehr Zeit für die wirklich wichtigen Sachen im Leben nehmen wie sich lieben, mit den Kindern kuscheln, mit dem Schatz telefonieren, Lesen, Musik hören, Spaß haben mit Freunden oder ab und zu entspannen.

Doch Vorsicht: Das Vorhaben, mal gründlich zu entspannen, kann auch wieder zu Perfektionsstress in der Freizeit führen. Also als Ausgleich zum anstrengenden Job einen Yoga-Kurs belegen und nach zwei Wochen schon die einhändige Baumpose hinlegen wollen, bedeutet noch mehr Stress, weil Du Dich wieder unter Erfolgszwang gesetzt hast, aber nicht wirklich für Ausgleich gesorgt hast.

„Natürlich“ ist das neue „perfekt“

Fazit: Der Hang zum Perfektionismus führt letztendlich nur zu einer vielleicht perfekten Fassade. Doch die erreicht genau das Gegenteil von dem, was Du eigentlich damit erreichen wolltest: Eine Fassade hat keiner wirklich gern. Wir werden eher um unser selbst geliebt. Und genau DAS wollen wir alle doch.

Deshalb ist es natürlich wichtig, immer das Beste zu geben. Aber auch immer flexibel zu bleiben und Unwichtiges von Notwendigem zu unterscheiden. Umsichtig und gut Auto zu fahren ist existentiell wichtig, gebügelte Unterwäsche eher nicht. Damit reduzierst Du den Dauerdruck, bleibst Du selbst, denn Du kannst Dich entscheiden, wann Du perfekt sein willst und wann nicht. Auto ja, Schlüpfer bügeln nein…

Es muss nicht alles hundertprozentig sein – aber 100 Prozent Du!

Über die Autorin:

Annika Lohstroh

Annika Lohstroh

ist Produzentin, Regisseurin, Buchautorin, Journalistin und Psychologin mit langjähriger Medienerfahrung im Film-, Print-, TV- und Werbebereich. Sie arbeitet außerdem erfolgreich im Bereich Künstler- und Mediencoaching sowie als Fotografin. Zusammen mit Michael Thiel hat sie bei Gräfe und Unzer den Aufsteller „Die Kraft der Klarheit“ geschrieben.

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